regionale Wertschöpfungspartnerschaften

Sie sind hier: Startseite > Erfolgsgeschichten > Strom aus regionalem Holz: Klimaschutz und Beschäftigung im Eichsfeld

Strom aus regionalem Holz: Klimaschutz und Beschäftigung im Eichsfeld

Im waldreichen, thüringischen Eichsfeld versorgen neun kleine und mittelständische Unternehmen ein neues Biomassekraftwerk mit Holz. Die Betriebe bewirtschaften dazu Flächen mit Gehölzen aus eigener Vermehrung, pflegen Wald und Landschaft und erzeugen Holzhackschnitzel. Die Perspektiven für Arbeit und Wertschöpfung in der Region sind günstig: bislang stammt erst rund ein Viertel des Rohstoffs aus der Region.

In der REGIONEN AKTIV Modellregion Eichsfeld erzeugen kleine und mittelständische Unternehmen seit 2006 Energieholz für klimaneutralen Strom aus der Region. Als betriebliche Kooperation produziert das „Kompetenzzentrum Holz Thüringen“ Holzhackschnitzel aus Waldrestholz sowie landwirtschaftlichen Pflanzungen und der Rekultivierung ehemaliger Industriestandorte. Das Holz wird im Biomassekraftwerk Bischofferode in Strom umgewandelt. Der Zusammenschluss hat sich zum Ziel gesetzt, regionale Kräfte zu bündeln und durch Nutzung von Grünlandflächen und weniger wertvollem Ackerland nachhaltige Wertschöpfung zu erzielen. Die bestehende Kulturlandschaft soll wirtschaftlich genutzt und gleichzeitig in ihrer Attraktivität und biologischen Vielfalt erhalten und gefördert werden.

Die Wertschöpfungskette:

 


Vom Samenkorn zum Megawatt
Das Thüringer Holzkompetenzzentrum vereint eine funktionierende Wertschöpfungspartnerschaft unter einem Dach. Sie trägt zu einer sicheren Versorgung des regionalen Biomassekraftwerks bei und versteht sich als Dienstleister für eine naturgerechte Wald- und Landschaftsbewirtschaftung. Neun kleine und mittelständische Unternehmen aus dem Eichsfeld und die Stadtwerke Leipzig sind daran beteiligt. Das Kraftwerk mit einer Leistung von 20 Megawatt Strom wird zu rund 25 Prozent mit Restholz aus dem regionalen Umfeld betrieben. Jährlich werden umgerechnet 150.000 Festmeter des nachwachsenden Rohstoffs benötigt.

Anbau und Ernte naturgerecht
Bei der Anlage von Energieholzflächen will die Kooperation keine Monokulturen schnell wachsender Gehölze schaffen, sondern für eine Durchmischung mit Edellaubhölzern wie Kirsche und Esche sorgen. Dieser Ansatz soll nicht nur die biologische Vielfalt stärken, sondern auch zu einem zweiten ökonomischen Standbein beitragen: der Produktion hochwertiger Holzqualitäten. Ebenso naturverträglich, ohne Kahlschläge (Bleiber-Weicher-Prinzip), soll in diesen Plantagen auch die Holzernte erfolgen. Geerntet wird das Energieholz nach circa 10 bis 20 Jahren, die Werthölzer nach etwa 30 bis 60 Jahren.

Pflanzenvermehrung mit modernsten Verfahren
Zur Erprobung und Vermehrung geeigneter Energiegehölze haben die EHW GmbH in Bockelnhagen und die Baumschule Oberdorla GmbH so genannte Mutterquartiere mit Sorten aus ganz Europa angelegt. Der Baumschulbetrieb mit seinem Pflanzenlabor verfügt über langjährige Erfahrung in der konventionellen In-Vitro-Vermehrung. Bis zur 100.000 Gehölze können jährlich für Bepflanzungen bereitgestellt werden. Die Thüringer Landgesellschaft und die Arand-Unternehmensberatung in Mühlhausen entwickeln und managen die Pflanzungsprojekte. An den Bewirtschaftungsplänen, Beplanzungen und der Gehölzpflege wirken regionale Landschaftsbau- und -pflegebetriebe mit.

Ernte, Verarbeitung und Vermarktung in einer Hand
Eine Schlüsselstellung kommt der EHW GmbH mit ihrem modernen Maschinenpark zu. Das Unternehmen erntet nicht nur die Gehölze, sondern ist auch für Flächenbewirtschaftungen, Erzeugung von Hackschnitzeln und die Vermarktung zuständig. Die Logistik wird durch ein regionales Subunternehmen unterstützt. Außerdem sind das Forschungszentrum für Medizintechnik und Biotechnologie GmbH (fzmb) in Bad Langensalza und die Umweltakademie Nordthüringen e.V. beteiligt.

„Das Kompetenzzentrum Holz ist für die ländliche Entwicklung in unserem Landkreis von nachhaltiger Bedeutung. Wir haben damit eine wichtige Struktur, in der Unternehmer vor Ort an einem Strang ziehen und Arbeitsplätze schaffen", so Ingo Steinicke vom Wirtschaftsreferat im Landkreis Eichsfeld.

Klare Managementstrukturen

Die Koordinierung der Wertschöpfungskette liegt beim Geschäftsführer des Kompetenzzentrums Udo Schuster. Als Vorstände tragen die beteiligten Unternehmen EHW, Baumschule Oderdorla, Arad Unternehmensberatung und die Stadtwerke Leipzig die Verantwortung für den Zusammenschluss.

Der Entwicklungsprozess: eine Idee findet ihren Weg
Ende 1998 brachte der massive Rückgang der Holzpreise Konrad Handt, heute Inhaber der EHW GmbH, mit seinem landwirtschaftlichen Betrieb in Schwierigkeiten. Neue Wege waren gefragt. Handt setzte auf Energieholz. Die Errichtung einer Anlage zur Holzvergasung scheiterte an den immensen Investitionskosten. Im Jahr 2000 wurden die Stadtwerke Leipzig auf seine Gedanken aufmerksam. Das Unternehmen erkannte die Chancen und handelte: 2002 begannen die Planungen für das Biomassekraftwerk Bischofferode. Betriebe aus der waldreichen Region sollten zu einer sicheren Versorgung des Kraftwerks beitragen.

Neue Perspektiven, neue Hindernisse
Konrad Handt war schnell klar: Mit dem Engagement der Stadtwerke würden sich gute Perspektiven für sein Energieholz und für neue Anpflanzungen bieten. Im Jahr 2002 eröffnete das Anlaufen von Regionen Aktiv die Möglichkeit, diesen Aufbauprozess zu beschleunigen. Außerdem konnte Handt neben Siegfried Peter, dem Geschäftsführer der Baumschule Oberdorla, auch Prof. Dr. Erich Arand mit seiner Unternehmensberatung als Mitstreiter gewinnen. Der Regionen Aktiv Vorstand zeigte sich allerdings dem Gedanken, ein Mutterquartier zur Vermehrung von Energieholzpflanzen zu unterstützen, gegenüber zunächst skeptisch. Erst eine Besichtigung der Einrichtungen in Oberdorla und die fundierten Fachargumente von Prof. Arand überzeugten die Vorstandsmitglieder. Regionen Aktiv unterstützte eine erste Vermehrung von Energieholzpflanzen in Bockelnhagen. In Abstimmung dazu förderte auch LEADER+ Eichsfeld-Hainich diesen Prozess.

Aufbau von Strukturen und Technik
Mit der sicheren Absatzperspektive Biomassekraftwerk investierte Handt in Maschinen zur Holzhackschnitzelerzeugung, ebenso wurde ein erster Presscollector für eine effizientere Holzernte angeschafft. Die Baumschule Oderdorla begann, vier weitere Mutterquartiere zur Pflanzenvermehrung aufzubauen. Ende 2005 nahmen die Stadtwerke Leipzig das Biomassekraftwerk Bischofferode in Betrieb, eine Investition von rund 60 Millionen Euro. Der Wirkungsgrad der Anlage beträgt 37 Prozent Strom, damals einmalig in Deutschland. In dieser Phase ernteten die Betriebe Restholz aus der Pflege von Windschutzhecken, Baumreihen und anderen Landschaftselementen als Energieträger. Die Wertschöpfungspartnerschaft entwickelte sich damit für viele kommunale Einrichtungen auch zu einem Dienstleister für Landschaftspflege und Waldbewirtschaftung.

„Anfangs fühlte ich mich mit dem Thema Energieholz wie ein Prediger in der Wüste. Inzwischen hat sich die Skepsis auch in der Öffentlichkeit gelegt. Von der guten Zusammenarbeit profitiert die ganze Region“, so Konrad Handt, Inhaber der EHW GmbH und Vorsitzender des Kompetenzzentrums Holz Thüringen.

Professionalisierung und erste Flächenprojekte
Im Jahr 2007 gaben die Unternehmen ihrer Kooperation einen festen Rahmen: sie gründeten das „Kompetenzzentrum Holz Thüringen“. Regionen Aktiv unterstützt die positive Entwicklung in dieser Phase mit Mitteln für einen zweiten Presscollector. Nach der Holzbepflanzung verschiedener eigener landwirtschaftlicher Flächen nahmen die Betriebe das erste größere „Plantagenprojekt“ für den Gemeindeverband Menteroda in Angriff. Gegenwärtig wird dort eine Kalihalde von 20 Hektar Größe mit Gehölzen aus Oberdorla bepflanzt.


Resultate: Versorgungssicherheit und Entwicklungsimpulse
Mit der Errichtung des Biomassekraftwerks und dem Know-how des Kompetenzzentrums ist im Eichsfeld eine regionale Wertschöpfungskette entstanden, die wesentlich zu einer sicheren Versorgung des Kraftwerks mit Holz beiträgt und sich marktwirtschaftlich trägt.

„Mit unserer Wertschöpfungskette sind wir ein Modell für ganz Thüringen: die Landesfläche bietet Möglichkeiten für zehn Kraftwerke, 33 Millionen Euro zusätzlicher Wertschöpfung und 500 sichere Arbeitsplätze in den Regionen“, meint Prof. Arand von der Arand Unternehmensberatung GmbH.

Arbeitsplätze und Wertschöpfung
In der Region sind 2007 dadurch fünf neue Arbeitsplätze in der Maschinenführung, Pflanzenvermehrung und Logistik entstanden. Hinzu kommen 22 neue Stellen im Kraftwerk. Die Wertschöpfungskette trägt außerdem dazu bei, circa 16 weitere Arbeitsplätze in den beteiligten Betrieben zu sichern. Diese positive Entwicklung beruht auf den guten Ergebnissen der Betriebe. Das Kompetenzzentrum hat 2007 Gehölze im Wert von 98.550 Euro produziert. Im selben Jahr wurden rund 50.000 Schüttraummeter Holzhackschnitzel und 15.000 Festmeter Rundholz erzeugt. Die Kooperation hat 2007 mit der Wertschöpfungskette einen Umsatz von rund 400.000 Euro erwirtschaftet.


Zukunftsperspektiven: mehr Holz aus der Region

Steigende Öl- und Gaspreise begünstigen die Marktchancen des Energieträgers Holz. Gleichzeitig sorgt die zunehmende Sensibilisierung für den Klimawandel für eine hohe Akzeptanz klimaneutraler Brennstoffe bei Verbrauchern und Politik. Die Zukunftsperspektiven für das „Kompetenzzentrum Holz Thüringen“ sind daher günstig.

Neue Flächen erschließen

Bei Bewirtschaftung größerer Flächen mit Energieholz besteht für die Unternehmen die Aussicht, den Anteil an der Brennstoffversorgung des Kraftwerks weiter zu steigern. Flächen von Landwirten und anderen privaten und öffentlichen Eigentümern sollen dafür erschlossen werden. Darüber hinaus setzt das Kompetenzzentrum auf eine Zertifizierung des Pflanzgutes, um auch in der Forstwirtschaft aktiv werden zu können.

Kompetenzzentrum als Modellprojekt
Mit dieser Wertschöpfungspartnerschaft hat das Kompetenzzentrum Holz Thüringen ein wirtschaftlich selbst tragendes Modell für die Energieerzeugung in ländlichen Regionen mit größeren Flächen an Wald und Ackerland minderer Güte geschaffen. Die Stadtwerke Leipzig investieren bereits in ein weiteres Biomasseheizkraftwerk in Piesteritz/Wittenberg, das diesem Konzept weitgehend entspricht.

Weitere Informationen:
www.swl.de

Konrad Handt
EHW GmbH
Hauptstraße 11
37345 Bockelnhagen
Tel.: 036072 – 90531